Interview mit dem MDR

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Interview mit dem MDR

MDR-Interview zu den Äußerungen des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt:

 

Interview mit Landesschülerrat: „Uns sind keine Fälle von Belästigung bekannt“

 

Der Chef des Philologenverbandes von Sachsen-Anhalt und seine Stellvertreterin sorgen mit einem Artikel für Aufregung. Darin schreiben sie unter anderem, dass viele männliche, „oft ungebildete“ Flüchtlinge „nicht immer mit den ehrlichsten Absichten“ und veralteten moralischen Vorstellungen nach Deutschland kämen. Von Bekannten und Freunden wollen die Philologen außerdem von Fällen von sexueller Belästigung junger Frauen gehört haben. Teilen die Schüler die Ansichten und Sorgen der Lehrer? Wir haben bei Lukas Hentschel nachgefragt, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Landesschülerrates von Sachsen-Anhalt.

 

Was halten Sie von den Äußerungen?

Wir als Landesschülerrat können die Äußerungen des Philologenverbandes nur eindeutig ablehnen. Statt sachlich über die Ängste und Befürchtungen der Menschen zu sprechen und Lösungsansätze zu bieten, schüren sie weitere Angst und bedienen sich dabei vorurteilsbehafteten Behauptungen.

 

In dem Artikel warnen die Autoren vor sexueller Belästigung durch junge Muslime. Haben Sie schon einmal von derartigen Vorfällen gehört?

Mir persönlich und dem Landesschülerrat sind keine derartigen Fälle von sexueller Belästigung bekannt. Außerdem kritisieren wir die Bezugnahme des Philologenverbandes auf Bekannte und Freunde als Quelle für enorme Anschuldigungen, die mir und uns bisher noch nicht bekannt sind.

 

Der Verband zeigt sich außerdem besorgt, dass sich junge Mädchen auf „oberflächliche sexuelle Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern“ einlassen könnten. Kennen Sie konkrete Fälle?

Aus meiner Perspektive kann ich sagen, dass mir keine derartigen Beziehungen bekannt sind. Selbst wenn, so finden wir, sollte kein Unterschied zwischen einer Beziehung unter Personen aus gleichen und unterschiedlichen Ländern gemacht werden.

 

Gibt es überhaupt Kontakte zwischen Schülern und Flüchtlingen?

Aufgrund der großen Zahl an Asylsuchenden kommt es natürlich auch immer wieder zu Begegnungen zwischen Schülerinnen und Schülern und Flüchtlingen, allerdings sind momentan noch wenige schulpflichtige Kinder unter den Ankommenden, sodass Begegnungen eher in der Freizeit und mit älteren Personen stattfinden und nicht in der Schule.

 

Wie wird im Unterricht über Flüchtlinge und Muslime im Allgemeinen gesprochen? Gibt es rassistische oder diskriminierende Aussagen?

An meiner Schule wird meiner Meinung nach zu wenig im Unterricht über Flüchtlinge gesprochen. Natürlich ist es in den Pausen auch Thema, wobei dort viele den Ankömmlingen positiv gegenüberstehen. Der Landesschülerrat setzt sich dafür ein, dass in den Schulen Sachsen-Anhalts mehr Integrationsarbeit geleistet wird. Außerdem müssen die Gründe der Flucht und der weitere Lebensweg der Flüchtlinge thematisiert werden. Natürlich gibt es auch hin und wieder rassistische und diskriminierende Äußerungen, wobei dies Einzelfälle bleiben.

 

Wie ist der Umgang an den Schulen mit geflüchteten Mitschülern?

Wie bereits angedeutet sind momentan meist nur in den Zentren Magdeburg, Halle und Dessau viele geflüchtete schulpflichtige Kinder und Jugendliche zu finden. Dort werden oft Sprachklassen gebildet, um den Flüchtlingen schnell Deutsch beizubringen. Dadurch findet der Kontakt meist nicht im Unterricht statt. Ich aus meiner Perspektive habe deshalb keine Erfahrungen mit dem aktuellen Umgang.

 

Haben Sie den Eindruck, dass Schüler mit Migrationshintergrund seit Anstieg der Flüchtlingszahlen verstärkt ausgegrenzt oder angefeindet werden?

Mitschüler mit Migrationshintergrund sind oft bereits integriert, können einwandfrei Deutsch und haben Freunde gefunden. Durch die aktuelle Flüchtlingsproblematik sehen wir keine verstärkte Ausgrenzung oder Anfeindung dieser Schüler.

 

Was empfehlen Sie den Schülern in der Flüchtlingsdiskussion?

Das Wichtigste in einer Diskussion über Flüchtlinge ist immer Sachlichkeit. Die Schülerinnen und Schüler müssen, es ist oftmals schwer, die richtigen Argumente finden und damit ihr Gegenüber von den positiven Aspekten der Flüchtlinge überzeugen. Natürlich gibt es auch negative Folgen und eine große Aufgabe, wahrscheinlich die größte in den letzten Jahren, muss bewältigt werden, aber man darf nie vergessen, dass es sich bei allen Ankommenden auch um Menschen handelt, die hier Frieden suchen. Wir würden es nicht anders machen.